Zürcher Sagen

Meinrad Lienert, 1865-1933

2. Kapitel

Kaiser Karl und die Schlange

Einst kam Kaiser Karl der Grosse, der fränkische Beherrscher des Abendlandes, im Frühsommer an den Rhein. Wie er nun ferner das Schneegebirge schimmern sah, gelüstete es ihn, diesem weissen Wunder etwas näher zu rücken, um es mit Musse betrachten zu können. Er setzte also über den rauschenden Strom und ritt mit seinem einfachen Gefolge durch den fruchtbaren Zürichgau hinauf. Immer mehr und mehr zeigten sich die Berge, immer höher hoben sich ihre weisspelzigen Schultern aus den unabsehbaren Tannenwildnissen der Voralpen.

Aber als Kaiser Karl der klingenden und singenden Limmat entlang endlich in seine gute Stadt Zürich kam und von ihrem Strande aus den knisterndblauen See und die ganze Anmut der Gegend sah, beschloss er, nicht mehr weiter zu reiten. Er konnte nun die noch ganz weissen Berge so gut sehen, als ob sie oben am See in weissen Mänteln einen Frühlingsumgang hielten. Er liess daher absatteln, und seine getreuen Zürcher, die sich seines Besuches gar hoch erfreuten, richteten für ihn das Haus zum Loch, das heute noch neben dem Grossmünster steht, gar wohnlich ein. Und da er sich nun einmal in seinen Grenzlanden gegen das Welschland aufhielt, so gedachte er, auch gleich dasselbe eine zeitlang Hof und Gericht zu halten, guten Willen und Recht zu schützen und Mutwillen und Unrecht nach bestem Vermögen abzustellen. Deshalb liess er, um seine Absicht allen so recht offenbar zu machen, an der Stelle, auf der einst die Blutzeugen Felix und Regula hingerichtet worden waren, eine Säule aufrichten. An diese Säule aber musste man ein Glöcklein hängen, das ein jegliches Geschöpf, welches sich mit Recht meinte, gegen irgendwen beschweren zu dürfen, läuten sollte.

Einst, als nun Kaiser Karl frohgemut mit einigen seiner Helden im Haus zum Loch zu Tisch sass und auf ein wohlbekömmliches Mahl aus seinem goldenen Becher auch noch ein aufheiterndes Tränklein tat, war ihm, er höre die kleine Glocke läuten, die er ob dem Richtplatz der Stadtheiligen an eine Säule hatte hängen lassen. Also befahl er einem seiner Getreuen, hinzugehen und nachzuschauen, wer da wohl das Glöcklein ziehe. Bald kam der Kriegsmann zurück und berichtete, dass er bei der Säule niemanden gefunden habe, im Gegenteil habe sich das Klageglöcklein so unschuldig gestellt, als könnte es keinen Ton von sich geben. Er hatte noch nicht zu Ende geredet, so liess sich das Glöcklein wieder hören, und dieses Mal recht deutlich. Nun schaute sich der Kaiser bedeutungsvoll im Kreis seiner Helden um. Er begann erregt seinen mächtigen Bart zu streichen, und alsdann gebot er dem Kriegsmann, er möge seine Augen besser auftun und sich irgendwo bei der Säule verstecken und wohl in Acht nehmen, wer mit dem Glöcklein der Gerechtigkeit solch hinterrücksigen Mutwillen zu treiben wage. So begab sich des deutschen Königs Mann wieder weg. In der Nähe der Säule legte er sich auf die Lauer.

Aber kaum befand er sich in seinem Hinterhalt, so sah er zu seiner Verwunderung eine grosse Schlange vom See her durch die Gasse rascheln. Wie erstaunte er aber erst, als er gewahren musste, wie die Schlange sich an des Kaisers Säule heranmachte, sich behände an ihr hinaufschlängelte, sich ums Glockenseil wand und also das Glöcklein zu läuten begann, als wäre sie Siegrist in der Glockenstube des über ihr stehenden Karlsturms und müsste wetterläuten.

So geschwind als tunlich machte sich der Kriegsmann zu seinem Herrn zurück und verkündigte ihm die wunderliche Mär von der läutenden Schlange.

Da ging ein Gelächter um des Kaisers Tisch, dass die Wände Echo gaben; einzig Kaiser Karl lachte nicht. Einen Augenblick sah er sich mit ernsten Augen im Kreis um, und nun fing er seinen Rauschebart wieder zu streicheln an, bis es mäusleinläubleinstill im Saal wurde. Dann erhob er sich rasch und schritt, gefolgt von seinen Leuten und von einem Schweif neugierigen Volkes, zur Säule, die er als Hort der Gerechtigkeit aufgestellt hatte.

Und siehe, die Schlange hing immer noch am Glockenriemen und läutete in einem fort. Wie sie jedoch den hohen Herrn zu Gesicht bekam, liess sie sich schleunigst an Seil und Säule herab und ringelte sich vor des Herrschers Füssen. Hier richtete sie sich hoch auf und verneigte sich gar tief. Dann raschelte sie davon und der Kaiser schritt ihr, klirrenden Schrittes und hochgespannt, was da wohl werden möchte, mit all seinem bunten Gefolge nach.

Aber als die Schlange an den See kam, da wo er seinen Ausfluss hat, hielt sie an, und jetzt erblickte der Kaiser im Schilf der Limmat ein grosses Nest, in dem auf den Eiern eine hässliche aufgeschwollene Kröte hockte, die ihn giftig ansah. Am Gebaren der Schlange an aber merkte er, dass es ihr Nest sei, auf dem die ungeheuerliche Kröte sich so breit vertat. Sogleich liess er die eklige, heftig geifernde Kröte wegnehmen, und alsdann verurteilte er sie, als eine Räuberin an Leben und Eigentum, zum Feuertod. Hierauf kehrte er ruhigen Ganges, doch nachdenklich, in seine Hofstatt zurück, und das Volk frohlockte, dass Gott dem Reich einen so gerechten Herrn gegeben hatte.

Nicht lange nachher war es, da sass Kaiser Karl der Grosse wieder einmal zu Tisch und hielt in ehrbarer Fröhlichkeit sein Mittagsmahl. Und draussen auf dem sommerlich warmen Pflaster, unter den Wendelsteinen des Grossmünsters, standen die Kinder der Stadt und staunten zu ihm und seinen Herren hinauf, um zu sehen, wie sie becherten und sich vergnügten. Ab und zu fiel ihnen wohl auch durch die offenen Fenster eine Leckerei auf die Kappen, um die sie sich dann wacker herumbalgten, was den zuschauenden Kriegsleuten viel Spass machte. Aber wie nun die Helden gar wohlauf beisammensassen und tafelten, ging auf einmal, schier unhörbar, die Türe auf. Und da gleichwohl niemand eintrat, noch sich sonst wie jemand an der Türe sehen liess, erschraken alle in der Tafelrunde. Es war ihnen unheimlich, und sie dachten an Hexerei.

Wie sie aber noch auf die Tür hinstarrten, raschelte es, und auf einmal kroch eine grosse Schlange über die Schwelle. Unwillkürlich legten die Kriegsleute die Hand ans Schwert. Doch die Schlange wellte sich geradewegs zur Tafel, und ehe man sich’s versah, wand sie sich am Tischbein, an dem der Kaiser sass, hinauf auf den Tisch, stiess den funkelnden Deckel von seinem goldenen Becher und liess etwas reinfallen, worauf es wie ein weltfernes elfenstimmiges Läuten im Saal umging. Und im Hui war die Schlange auch schon wieder verschwunden. Geräuschlos, von keines Menschen Hand berührt, schloss sich die schwere Tür wieder.

Als nun der überraschte und seltsam bewegte Kaiser in seinen Becher hineinschaute, in dem immer noch ein wunderfeines Singen und Klingen war, fand er darin einen Edelstein, schöner als der Morgenstern im Frührot des werdenden Tages. Nun erkannte er, dass Gott, der ihn über so vieles gesetzt hatte, seinen Sinn prüfen wollte, und in diesem Gedanken liess er später an der Stelle, wo er das Nest der Schlange gesehen hatte, eine schöne Kirche erbauen. Sie steht heute noch, heisst die Wasserkirche. In ihre Fenster schauen schon mehr als ein Jahrtausend die fernen Schneeberge, nach denen einst Kaiser Karl so heitern, weil gerechten Herzens, Ausschau hielt.

Den Edelstein aber, den er in seinem goldenen Becher gefunden hatte, schenkte er danach seiner hohen Frau. Diese liess ihn in eine goldene Kapsel fassen und trug ihn zeitlebens auf ihrem Herzen.

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