Ein Landaufenthalt von Onkel Titus

Johanna Spyri

sanft bearbeitet von Tanja Alexa Holzer

Unter den Lindenbäumen

Unter den schattigen Linden der schönen Promenade, die auf der Ostseite der Stadt Karlsruhe sich hinzieht, sah man seit einiger Zeit immer um dieselbe Nachmittagsstunde einen Spaziergänger hin- und hergehen, dem die anderen Lustwandelnden mit Teilnahme nachsahen, wenn sie an ihm vorbeigegangen waren, denn es war rührend anzusehen, mit welcher Sorgfalt die kleine Begleiterin, auf die der grosse Mann sich stützte, ihm ihre Hilfe bequem zu machen versuchte. Der Mann musste recht krank sein. Er konnte nur sehr langsam gehen; mit der rechten Hand stützte er sich auf einen festen Stock, die linke hielt er auf die Schulter des Kindes gelegt, was er sichtlich nötig hatte. Von Zeit zu Zeit hob er aber die Hand etwas in die Höhe und fragte in zärtlichem Ton: „Sag, mein Kind, drücke ich auch nicht zu schwer auf dich?“ Augenblicklich aber drückte das kleine Mädchen die Hand wieder auf seine Schulter nieder und versicherte: „Nein, nein, gewiss nicht, Papa, stütze dich nur viel fester auf mich, ich merke dich ja gar nicht.“

Waren die beiden eine Zeitlang so hin- und hergegangen, so liessen sie sich auf einer der Bänke nieder, die hier und da unter den Bäumen stehen, und ruhten eine Weile aus.

Der kranke Mann war Major Falk, der erst seit kurzer Zeit in Karlsruhe wohnte. Er hatte vorher in Hamburg gelebt und dort einen sehr stillen Haushalt geführt mit seinem Töchterchen Dora und einer älteren Wirtschafterin, die alles im Haus besorgte. Seine Frau hatte er kurz nach Doras Geburt verloren, so dass das Kind seine Mutter nie gekannt hatte. So hing Dora mit ihrer ganzen Liebe an ihrem guten Vater, und dieser hatte auch sein Kind immer mit solcher Zärtlichkeit behandelt, dass ihm der Mangel einer Mutter kaum recht fühlbar geworden wäre, hätte nicht der Vater vor einem Jahr plötzlich sein Haus verlassen müssen, um in den Krieg gegen Frankreich zu ziehen. Dann war er lange nicht heimgekehrt, und als er endlich wiederkam, war er sehr elend und krank wegen einer Wunde in der Brust, welche die Ärzte für so gefährlich erklärten, dass eine Heilung kaum möglich sein würde.

Major Falk hatte in Hamburg keine näheren Verwandten mehr, weshalb er mit seinem Töchterchen auch so abgeschlossen gelebt hatte. In Karlsruhe hatte er eine ältere Stiefschwester, die war mit einem Privatgelehrten verheiratet, den Herrn Titus Ehrenreich. Als Major Falk verstanden hatte, was die Ärzte von seinem Zustand hielten, fasste er den Entschluss, nach Karlsruhe überzusiedeln, um nicht ganz allein dazustehen mit seinem elfjährigen Töchterchen, wenn seine Krankheit ernster werden sollte und für den weiteren Lebensgang seines Kindes Rat einer Frau notwendig sein würde. Bald führte er sein Vorhaben aus, mietete sich mit seinem Töchterchen in der Nähe seiner Schwester ein und genoss nun die warmen Frühlingstage auf seinen regelmässigen Gängen unter den schattigen Linden, von seinem Töchterchen als Stütze und liebevolle Pflegerin begleitet. Wenn dann die beiden zwischen ihren Gängen, die den Kranken sichtlich sehr ermüdeten, Hand in Hand auf der Bank sassen, da wusste der Vater immer etwas Schönes zu erzählen, und Dora konnte nicht genug zuhören, denn so fesselnd konnte niemand seine Erlebnisse schildern wie er, und auf der ganzen Welt gab es gewiss keinen so lieben und herrlichen Menschen mehr, wie ihr Vater war; davon war Dora ganz fest überzeugt.

Am liebsten hörte sie es, wenn der Vater von ihrer Mutter erzählte, die nun schon lange im Himmel war, wie lieblich und fröhlich sie gewesen sei, dass es überall war, als bringe sie den Sonnenschein mit, wohin sie kam, und dass kein Mensch sie sehen konnte, ohne sie lieb zu haben, und auch keiner sie vergessen konnte, der sie je lieb gehabt hatte. Wenn der Vater davon erzählte, dann vergass er auch oft ganz und gar, wo er war, und dass es immer später wurde, bis die kühle Abendluft ihn auf einmal schauern liess und ihn daran erinnerte, dass es Zeit sei aufzubrechen. Dann gingen die beiden langsam in die Stadt zurück, weit hinein, bis sie in einer schmalen Gasse an einem der hohen Häuser angelangten, wo der Vater gewöhnlich stillstand und zu Dora sagte: „Wir müssen doch noch Onkel Titus und Tante Ninette sehen.“ Und die Treppe hinaufsteigend, mahnte er meistens: „Nur hübsch leise, Dora; du weisst, Onkel Titus schreibt sehr gelehrte Bücher und darf durch keine ungewohnten Töne gestört werden, und Tante Ninette kann auch kein Geräusch ertragen, sie ist es nicht gewöhnt.“

Und Dora stieg ganz geräuschlos auf ihren Zehenspitzen die Stufen hinauf. An der Tür klingelte der Major kaum hörbar. Gewöhnlich machte die Tante Ninette die Tür selbst auf und sagte: „Nur herein, lieber Bruder! Aber recht leise, wenn ich bitten darf. Du weisst, dein Schwager ist sehr in seine Arbeit vertieft.“ Und fast unhörbar gingen dann die drei den Korridor entlang und traten ins Wohnzimmer ein. Nebenan war das Arbeitszimmer von Onkel Titus; so musste man sich auch hier sehr gedämpft unterhalten, was Major Falk viel weniger vergass als die Tante Ninette selbst, besonders in den Augenblicken, da ihr der Grund zu einem grossen Jammer entgegentrat, und das war nicht selten der Fall.

Der Juni war nun herangekommen und schon konnten die Abende draussen unter den Bäumen länger genossen werden; doch mussten die zwei Spaziergänger immer noch etwas früher ihren Rückweg antreten, als beiden lieb war, denn das längere Ausbleiben war ein Grund zum Jammern für die besorgte Tante Ninette. An einem der warmen Sommerabende aber, da der Himmel so golden glänzte gegen Sonnenuntergang und rosenrote, duftige Wölkchen darüber hinzogen, blieb Major Falk länger sitzen als alle Abende vorher und schaute, die Hand seines Kindes in der seinigen haltend, stiller als gewöhnlich den ziehenden Wolken nach und in den goldenen Abendhimmel hinein.

Dora schaute lange staunend zu ihrem Vater empor, dann rief sie auf einmal überwältigt von ihrem Eindruck aus: „Oh, Papa, wenn du dich doch sehen könntest, du leuchtest ganz golden; so sind gewiss die Engel im Himmel.“ Der Vater lächelte: „Bei mir wird’s gleich vorbei sein, Kind; aber so leuchtend steht wohl dort hinter den rosigen Wolken deine Mutter und schaut auf uns nieder.“ Es war wirklich schon vorbei; der Vater war wieder blass geworden und leuchtete nicht mehr, und am Himmel fing das Gold auch an zu erlöschen. Nun stand der Vater auf und Dora folgte ihm, ein wenig betrübt, dass der schöne Glanz so bald verblichen war. „Einmal wird er wieder auf uns leuchten, Dora, und noch viel schöner“, tröstete der Vater; „wenn wir wieder alle beieinander sein werden, deine Mutter und du und ich, und dann wird er nicht mehr vergehen.“

Als die beiden die Treppe heraufkamen, um Onkel und Tante noch zu grüssen, stand die letztere schon oben an der offenen Tür und machte sehr unruhige Zeichen des Schreckens und der Aufregung; aber erst als sie die Angekommenen ins Zimmer geführt und sanft die Tür ins Schloss gelegt hatte, gab sie der grossen Aufregung Worte.

„Wie kannst du mir solche Angst bereiten, lieber Bruder“, jammerte sie auf, „was musste ich mir nicht für schreckliche Dinge vorstellen. Was konnte euch doch alles begegnet sein, dass ihr so ungewöhnlich spät heimkommt! Und wie kannst du nur so vergesslich sein und nicht wissen, dass du nach Sonnenuntergang nicht mehr draussen sein sollst! Gewiss hast du dir eine Erkältung zugezogen. Was wir nun kommen? Es kann ja Schreckliches daraus entstehen!“

„Beruhige dich nur, liebe Ninette“, sagte der Major beschwichtigend, sobald er mit einem Wort einsetzen konnte. „Die Luft ist so mild, so ganz warm, dass sie unmöglich schaden konnte, und der Abend war herrlich, ganz wundervoll. Lass mich die schönen Abenden auf Erden noch anschauen, solange es mir vergönnt ist; das beschleunigt nicht und hält auch nicht auf, was bald kommen muss.“

Aber diese Worte, so ruhig sie auch gesprochen waren, riefen noch einen ganz anderen Jammer hervor.

„Wie kannst du nur so sprechen! Wie kannst du mir solche Angst bereiten! Wie kannst du nur so schreckliche Worte sagen!“, rief die erregte Tante ein Mal ums andere aus. „Das kann ja nicht geschehen, das wird nicht geschehen. Wie müsste nur alles werden – wie müsste es kommen – du weisst mit wem ich meine –.“ Hier tat die Tante einen bedeutsamen Blick auf Dora hin. – „Nein, Karl, was zuviel ist, kann nicht über uns hereinbrechen; ich wüsste keinen Ausweg, ich wüsste mir nicht zu helfen, es wäre nicht durchzukommen.“

„Aber, liebe Ninette“, wandte hier der Bruder ein, „vergiss doch nur das eine nicht:

‚Bist du doch nicht Regente,
der alles führen soll;
Gott sitzt im Regimente
und führt alles wohl.’“

„Ach ja, das weiss ich ja schon, das ist ja wohl wahr“, bestätigte die Schwester; „aber wo kein Ausweg abzusehen ist und keine Hilfe, da muss man ja vor Angst umkommen, und du sprichst so von den schrecklichsten Dingen, als verstände es sich von selbst, dass sie kommen müssen.“

„Wir wollen uns nun gute Nacht sagen und nicht mehr jammern, meine liebe Ninette“, sagte der Major, seine Hand ausstreckend, „wir wollen beide daran denken.

‚Gott sitzt im Regimente
und führt alles wohl.’“

„Ach ja, es ist ja schon wahr, es ist ja schon wahr“, bestätigte nochmals die Tante. „Aber nun erkälte dich nicht über die Strasse und geht auch leise die Treppe hinunter und – hörst du, Dora, schliess auch recht leise die Tür unten zu, und Karl, nimm dich in acht vor dem Windzug über die Strasse!“ Während dieser Ermahnungen war der Vater mit Dora die Treppe hinabgestiegen und die letztere schloss nun nach Vorschrift die Haustür. Sie hatten nur über die schmale Gasse zu gehen, um in die eigene Wohnung einzutreten.

Als am folgenden Abend Dora wieder neben ihrem Vater auf der Bank unter den Bäumen sass, fragte sie: „Papa, hat denn Tante Ninette vorher das nicht gewusst:

‚Bist du doch nicht Regente,
der alles führen soll;
Gott sitzt im Regimente
und führt alles wohl.’“

„Doch, doch, Dora, das hat sie immer gewusst“, antwortete der Vater. „Siehst du, das ist nur so in den Augenblicken, da bei der guten Tante die grossen Ängste das Übergewicht bekommen, dass sie ein wenig vergisst, wer alles regiert; aber sie findet sich dann schon wieder zurecht.“

Dora dachte eine Weile nach, dann fragte sie wieder: „Aber, Papa, wie kann man machen, dass die Ängste nicht das Übergewicht bekommen und man vor Angst umkommen muss, „Mein liebes Kind“, entgegnete der Vater, „wir müssen es so machen: Bei allem, das uns begegnet, müssen wir gleich denken: das kommt zu mir vom lieben Gott. Ist es eine Freude, so haben wir gleich den Dank dafür im Herzen; ist es ein Leid, so kann es uns nicht so sehr erschrecken und ängstigen; denn wir wissen ja gleich, dass der liebe Gott uns nur schickt, was immer zuletzt sich für uns als etwas Gutes erweist. So können wir nie umkommen vor Angst; denn wenn uns auch ein Unglück so schwer trifft, dass wir keine Hilfe und keinen Ausweg mehr sehen, so weiss doch der liebe Gott einen und kann auf einmal etwas Gutes aus einer Sache machen, die uns ganz unheilvoll und niederdrückend erschien. Verstehst du das, Dora, und willst du auch daran denken, wenn du solches erleben wirst? Denn jeder hat schwere Tage zu erfahren; dir werden sie auch kommen, liebes Kind.“

„Ja, ja, jetzt versteh ich’s schon; ich will auch gewiss daran denken, Papa“, versicherte Dora, „ich will auch viel lieber sicher sein, als so grosse Angst haben.“

„Wir müssen aber noch etwas nicht vergessen“, fuhr nach einer Weile der Vater wieder fort, „dass wir auch an den lieben Gott denken, nicht nur, wenn uns etwas Besonderes begegnet, sondern auch bei allem, was wir tun und ihn dabei fragen: ‚Ist Dir’s so recht?’ So kommen wir dann zur rechten Sicherheit und sind gleich beim lieben Gott, wenn ein Unheil kommt und wir ihn so nötig haben. Wenn wir aber sonst nie an ihn denken, und das Unglück naht, dann finden wir fast den Weg nicht mehr zu ihm, da wird die Angst in uns am allergrössten.“

„Oh, ich will gewiss nicht den Weg verlieren“, sagte Dora eifrig, „ich will gewiss den lieben Gott alle Tage fragen: ‚Ist Dir’s so recht?’“

Der Vater streichelte zärtlich die Hand des Kindes, die in der seinigen lag. Er sprach nicht mehr, aber in seinen Blicken lag eine so grosse Liebe und Fürsorge für sein Kind, dass es sich wie von einer sicheren Macht umgeben fühlen musste.

Golden sank die Sonne hinter die grünen Bäume hinab und Vater und Kind wanderten dem hohen Haus in der schmalen Gasse zu.

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