Schiefer, du zentnerschwerer Therapeut!

Was haben 100 Quadratmeter Terrasse, vier Paletten Naturschieferplatten, 400 Sand-, 120 Zementsäcke und ein Sommer auf Lanzarote mit inneren Dämonen, Sucht und Burnout zu tun?




Ziemlich ruhig ist es in den letzten Monaten um mich geworden. Scheinbar.

Ist Tanja auf Lanzarote verschollen? Liegt sie nur noch am Strand und liest all die Bücher, die sie in 14 Paketen à 24 Kilo aus der Schweiz auf die Insel sandte?


Nein. Ich habe - einmal mehr - etwas getan, wovon ich nie erwartete, es jemals in meinem Leben zu tun. Wie sehr ich damit meine Komfortzone sprengte, wurde mir erst mit dem schwitzenden, schnaufenden, stöhnenden Tun bewusst.


Im Mai hatte ich einen Elektromeissel gekauft und die alten Fliesen auf der Terrasse weggeknattert. Ein Novum. Damit jedoch nicht genug.


Am 2. Juni lud ein LKW mit Kran 4 Paletten mit schwarzen Naturschieferplatten auf meinem Vorplatz ab. Dazu die ersten 60 Sand- und 25 Zementsäcke. Noch nie in meinem Leben habe ich Zement gekauft! Wie mische ich überhaupt Beton? *Böööööh*

Die Zementsäcke waren mir mit 25 Kilo zu schwer. Ich stemmte sie trotzdem. Denn der Sand wollte mit dem grauen Staub angemischt und die 5 bis 25 Zentimeter Gefälle auf meiner Terrasse nivelliert werden. Halleluja!


Lanzarote ist eine Vulkaninsel. Mit Hitze und Staub. Und noch mehr Hitze und weit mehr Staub. Ich arbeitete den Sommer über quasi in einer Saharastaub-Zement-Sand-Wolke. Und schwitzte. Nicht zu fassen, wie sehr ich schwitzen konnte. Und fluchen. Ich staunte über mich selbst und stemmte weiter Säcke und Platten.


Was ein Terrassenumbau mit Burnout zu tun hat, dämmerte mir während diesen hitzigen Stunden. Als ich in den leicht milderen Morgen- und Abendstunden Beton anrührte und schichtete, um die Schieferplatten daraufzusetzen, tauchte ganz viel aus meinem tiefsten Inneren auf. Seit meinen Teenagerjahren beschäftige ich mich mit Persönlichkeitsentwicklung und war stets bereit gewesen, meine Themen anzusehen. Umso erstaunter war ich, was da noch alles in mir schlummerte. Baustelle auf der Terrasse, Baustelle in meinem Innern.


Am 10. November setzte ich die letzte Platte in ihr Betonbett. Ich spürte die 100 Quadratmeter und rund 400 Sandsäcke (ich habe aufgehört zu zählen ...) in meinen Muskeln und Knochen. Alles in und an mir war müde. Bei den letzten Platten war deutlich: Ich hatte eigentlich keine Kraft mehr - eigentlich. Weder mental noch körperlich. Doch ich *trötzelte* die Platten einfach durch! Als Doping griff ich zuerst zu mitreissendem Sound (Sorry an die Nachbarn!), dann zu einem Bier. Schon bald musste ein zweites her. Alkohol am Nachmittag? Und am Arbeitsplatz! In diesem Schlussspurt waren mir alle Mittel recht. Hauptsache: durchhalten!


"So schnell ist vom Leistungsdruck der Schritt in die Sucht getan", schoss es mir durch den Kopf. Ich habe enormes Verständnis für alle, die sich mithilfe von Suchtmitteln durch die Leistungsgesellschaft prügeln ... Tragische Beispiele dafür hatte ich in meinem nahen Umfeld miterlebt.

Nein, ich bin nicht suchtgefährdet. Auch deshalb nicht, weil ich von Sucht schon zu viel gesehen habe. Deshalb traf ich in diesem Sommer eine trockene Entscheidung: Über einen Monat lang nivellierte, betonierte und legte ich Platten ohne einen Schluck Alkohol. Nix da mit Feierabendbierchen. Ich stand teils knietief im Dreck - auch mental. Dopingfrei.


Nicht viele wissen, dass ich mit 30 einen Burnout hatte. Ich hatte damals nicht nur die übelsten Gedanken und dunkelsten Tiefflieger, sondern auch massive körperliche Beschwerden. Damals gönnte ich mir keine Ruhe. Ich peitschte mich weiter durch anspruchsvolle Lebensumstände. Da war jemand, dem es noch schlechter ging ... also hatte ich aufrecht zu stehen. Wie brutal, fies und hart ich damals zu mir selbst war, ist mir heute bewusst. Genauso realisierte ich während meiner ganzen Plattenlegerei, dass ich meinen Burnout nie richtig verarbeitet hatte. Noch immer schrien die Dämonen in meiner Brust, die mir keine Ruhe gönnten: "Leistung, LEISTUNG, L-E-I-S-T-U-N-G!!! Dann bist du jemand."


Mit jeder Schieferplatte, die ich in den Beton klopfte, liess ich etwas von diesen dämonischen inneren Schmerzen und dem Leistungstrieb los. Mit jeder neuen Fuge und jedem Steinwaschen wurde ich sanfter. Ich habe einen neuen Umgang mit mir selbst entdeckt - und, heja, dadurch ein neues Lebensgefühl gewonnen.


Die Platten sind alle verlegt. Ein paar Fugen fehlen noch. Bei dieser Hitze - teils über 30 Grad und das Mitte November! - trocknet mir die Fugenmasse frech unter den Fingern weg und reisst unschön. Ich verschiebe das Verfugen also gelassen auf kühlere Tage. Heute kann ich das, die Arbeit einfach verschieben - und lächle dabei. Heute kann ich mich auch für Geleistetes loben und feiern. So bin ich. Jetzt.


Ich freue mich übrigens jeden Tag wie ein kleines Kind über meinen Natursteinboden. Bei besonders schweren Steinplatten half ein Nachbar, der mir auch mit seinem Wissen beistand. Den Mamutanteil der Plackerei erledigte ich. Alleine. Statt mich abzumühen, hätte ich natürlich jemanden beauftragen, also den "Krampf" delegieren können. Dann wäre aber mein Fühl- und Lernprozess wohl kaum halb so gross gewesen. Gleiches gilt für meine finale Freude.


Mir ist klar, wie persönlich dieser Blogpost ist. Burnout ist immer tief, berührend und persönlich. Irgendwann ist die Zeit reif, den Burnout mit allen Facetten zu verarbeiten. Seine Dämonen verschwinden nicht von selbst. Das ist mein Fazit - und mein Aufruf an alle Betroffenen: Wartet nicht (wie ich) Jahrzehnte, packt es an, taucht hindurch (auch wenn es höllisch schmerzt) und werdet neu geboren (was einfach himmlisch ist!).


*Hebet Sorg*


Sonnige Grüsse

Tanja alias Wortfeger


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