Kannibalen der Eiszeit

Roman aus den Tagen der Sintflut

Franz Heinrich Achermann (1881-1946)

Vorwort

Im Frührot der Menschheit spielt dieser Roman des Schweizer Schriftstellers, der auch schon als «Karl May der Schweiz» bezeichnet wurde. Die Urlandschaft bei uns war in diesen Tagen die Arena für den Kampf ums Dasein, zwischen den Riesen der tropischen Tierwelt und dem spärlich bewaffneten Menschen. Gutes und Böses in Gestalt verschiedener Stämme und Götterglauben, aber auch in jedem Menschen selbst, standen sich damals schon erbittert gegenüber. Dieser Überlebenskampf war handgreiflich und brutal.

Der Roman erhebt keinerlei Anspruch auf historische oder archäologische Korrektheit. Das Buch ist unterhaltsame Fiktion über diese frühe Menschenzeit.

Wie Franz Heinrich Achermann schrieb: «Versetzen wir uns ins erste Morgendämmern dieser Kultur, wie sie aus nebelhaften Fernen zu uns herüberleuchtet …»

Die teils veraltete Schreibweise Achermanns hat Wortfeger sanft modernisiert und bearbeitet. Schön, darf ich als buchverrückte Schweizerin Ihnen dieses Stück Schweizer Abenteuerliteratur erzählen. Ich wünsche Ihnen ein spannendes Lesevergnügen.

 

Herzlich, der buchverrückte Wortfeger

Tanja Alexa Holzer

Das Einhorn

Über die Moore des Thanuwastromes flackert ein blutiges Licht. Aber es ist nicht Morgenrot, denn Mitternacht ist kaum vorüber und undurchdringlicher Rauch verhüllt jeden Strahl von oben.

Fern im Osten bohrt ein wildauffahrender Vulkan, das «Brüllhorn», seinen blutigen Schlund in den feurigen Atem, den der Gott der Tiefe heute Nacht mit einem fürchterlichen Fluch ausgestossen hat. Noch fliesst dort die flüssig zähe Lava wie blutiger Geifer aus dem Rachen des Tiefengottes auf dessen Schultern nieder, und sie leuchtet wie ein Gletscher im Morgenrot.

Der Gott der Tiefe hat einen Fluch geheult, dass die Erde zitterte, die Wasser des Thanuwastromes sich stauten und die Tiere des Waldes auf ihrer Fährte aufhorchten.

Dort im Moortümpel streckt der Altelefant wie lauschend seinen gewaltigen Rüssel empor und fächert mit seinen Ohren verdächtig nach der flackernden Feuerblume im Osten. Dicht neben ihm tauchen wie zwei kleine Vulkane die hässlichen Nüstern eines aufgeschreckten Flusspferdes aus dem Wasser empor und pusten dem leuchtenden Vulkan glühende Nebelschwaden entgegen.

Und das blutige Leuchten des Brüllhorns flackert über das nächtliche Moor, über Urwald und Steppe, wie ein glühendes Meer, vermischt mit dem Frührot des erwachenden Tages, und duckt sich endlich wie ein nächtlicher Schleicher vor dem strahlenden Licht der Gottheit in der Höhe.

Der Tag erwacht mit einem Jubel der Erlösung aus dem Druck der Finsternis.

Aber in der moorigen Steppe, wo die Morgennebel aufsteigen, ist es unheimlich still. Starr wie der Wurzelstock eines gefallenen Urwaldriesen ragt aus den Birkenbüschen der Kopf eines Ungeheuers empor, bei dessen Anblick die Riesen der Steppe fliehen und sich auch das Herz des Mutigsten zusammenkrampft.

Fast wildpferdähnlich, aber langhaarig und von Elefantengrösse, trägt es wie das Rhinozeros ein gewaltiges Horn, aber nicht auf der Nasenscheidewand, sondern mitten auf der Stirn zwischen den Augen. Wie moosbewachsene Felsplatten hängen ihm die harten Hautwülste über die Flanken, und wenn das armselige Horn nicht wäre, so könnte man versucht sein, aus der Ferne seinen Kopf für den eines ungeheuren Raubvogels zu halten.

Unbeweglich steht es schon seit Morgengrauen. Auf seinem borstigen Rücken weidet eine Schar von Madenvögeln. Für das leckere Mahl, das sie dort in der handdicken Haut finden, übernehmen sie anstelle der schlechten und boshaften Augen ihres Gastwirtes die Sicherheitswache.

Plötzlich fliegen die Madenvögel auf und in diesem Augenblick geht ein Zucken durch das Tier. Hoch hebt es den gewaltigen Kopf mit seinen geblähten Nüstern empor und böse blicken seine tückischen Äuglein nach der im Abflug entgegengesetzten Richtung. Von dort muss der Feind kommen.

Und er kommt!

Dort schleicht er lautlos heran, den weissen Bauch an die Erde gedrückt, die glühenden Lichter auf den gewarnten Feind gerichtet: der Zahntiger. Er ist das einzige Lebewesen, das sich an das Einhorn wagt, und dieses Wagnis gründet in seiner Bewaffnung: Aus dem Oberkiefer blitzen zwei seitlich zusammengeplattete, dolchartige Reisszähne, die noch handlang über den geschlossenen Unterkiefer herabragen und ihm das Aussehen eines menschenfressenden Dämons geben.

Hässig wie die kleinen Äuglein des verwundeten Ebers blicken die sonst so blöden Lichter des Einhorns nach dem heimtückischen Schleicher, der sich nur drei Mannslängen vor ihm niedergeduckt hat, als wolle er in kalter Grausamkeit den Fangsprung berechnen.

Nichts regt sich in weiter Umgebung; denn vor dem Einhorn fliehen die Riesen der Moore und die Räuber des Urwaldes, bis auf einen – und der ist da! Zeugen des unvermeidlichen Kampfes sind nur die Madenvögel in den Zweigen der nahen Bäume.

Leise stellt das Einhorn seine Hinterbeine näher an die Vorderpfoten heran, um plötzlich das Horn zum Stoss zu senken. Mit ungeahnter Plötzlichkeit, jäh wie ein Raubvogel in der Luft, stösst es vor – ins Leere; denn schon hat sich der Zahntiger in lautlosem Sprung an seinen Hals geschnellt und in schlangenhafter Umarmung seine schneeweissen Dolchzähne tief in den Hals gegraben. Der Zahntiger trinkt für gewöhnlich nur Blut; höchstens wühlt er sich noch in den Brustkorb seines Opfers ein, um dort in den blutreichen Organen zu schlemmen.

Einen Ruck lang steht das Einhorn still. Seine Augen nehmen horchende Stellung an, dann ein tiefes Gurgeln, ein Schnauben wie der Orkan im Urwald, und fort schiesst die gewaltige Masse, krachend, ächzend, stöhnend vor Wut und Schmerz, fort durch Busch und Moor und Steppe. Hoch fliegen die Schollen, armdicke Birken, Erlen und Mehlbäume, gebrochen wie dürre Zweige, bilden seine Spur; eine rasende Wut und eine wahnsinnige Angst treiben das Tier über Stock und Stein, über Berg und Tal, und – der Zahntiger hält, hält wie die Zecke an der Haut des Bergschafes, und keine noch so verzweifelte Anstrengung vermag den unheimlichen Riesenmarder abzustreifen. Jeder Bewegung seines Opfers weiss er sich anzupassen.

Dort wälzt sich das gewaltige Tier in seinem Schmerz, verdreht seine Augen in wahnsinniger Todesangst, horcht wieder und wälzt sich weiter, schnellt auf und stürzt sich wild aufbäumend wie ein von der fliegenden Keule getroffener Wildhengst in einen Moortümpel, dass die Wasser und Schlammmassen emporzischen. Dort rast es um sich selbst wie der Löwe, der sich zur Brunstzeit in seinen Gegner verbissen hat. Nur noch ein kochender Strudel zeigt die Stelle, wo der Kampf in der Tiefe weiter rast. Und die Schlammwasser färben sich rot.

Wessen Blut ist es?

Da taucht der erschreckende Kopf des Ungeheuers, der die Länge eines Menschenrumpfes hat, aus den kotigen Breien des Moortümpels empor, und – an seinem Horn hängt ein zerrissener Fleischfetzen des Zahntigers. Ehrliche Bosheit hat zuletzt über schleichende Heimtücke gesiegt, aber hinter dem Ohr des Einhorns rinnt eine Blutsträhne über den Hals, und da entfährt dem siegreichen Tier aus Maul und Nüstern ein Ton, den man nicht beschreiben kann, triumphierend wie der Sturm, der die Eiche fällt, unheimlich wie das Husten des Brüllhorns, wenn der Tiefengott in seinem gewaltigen Zorn flucht.

Langsam steigt es ans Land, kottriefend, um wieder wie angewurzelt ins Leere zu starren und – schon lässt sich der erste Schmarotzer auf seinem Rücken nieder, um aber gleich wieder aufzufliegen.

Ein neuer Feind?

Das bis zur Verzweiflung gehetzte Tier nimmt augenblicklich Gegenstellung an und erwartet ihn mit blutunterlaufenen Augen und hochdrohendem Horn. – Wo ist er?

Dort im hohen Riedgras hat er sich zu gebückter Stellung erhoben. Auf den ersten Blick möchte man auch ihn für ein schleichendes Tier halten. Denn seine einzige Bekleidung ist ein Wolfsfell, dem sein Träger nicht einmal den Schweif abgehauen hat, und dieses Fell ist den Formen seines Körpers so tadellos angepasst, dass er wohl hineingeschlüpft sein muss, als es noch warm und blutig war. Das Schädeldach hat er in der Haut gelassen, und so hängen ihm die zwei oberen Reisszähne über die Stirn herunter. Die urwüchsig vorstehenden Gesichtsknochen, die weit auseinanderstehenden Augen mit den buschigen Überaugenwülsten und der zurückweichenden Stirn, der wilde Bart und das lange, von Busch und Strauch verstrubelte Kopfhaar, das ihm in die Stirn hängt und sein Auge so unheimlich hervorleuchten lässt – dies alles verleiht ihm auf den ersten Blick den Ausdruck einer ungezügelten Wildheit. Nur der spitze Steinkeil in seiner Linken und die zugeschabte Keule in seiner Rechten verraten, dass er mit Überlegung handelt.

Nun aber schaut kalter Schrecken aus seinen Augen. Diesen Feind scheint er hier nicht erwartet zu haben. Lautlos will er sich wieder zurückziehen, aber vielleicht etwas zu hastig. Denn rasend schnaubt das Untier heran. – Ein Warnruf, und wie aus dem Boden gewachsen taucht eine Herde von über zwanzig Fellgestalten empor, um beim Anblick des herankeuchenden Ungeheuers wie eine Schar aufgescheuchter Springmäuse über Stock und Stein Reissaus zu nehmen. Dort rennt einer in überstürzter Hast über eine Blötze, wohl um die nahen Föhrenstämme zu gewinnen, aber er hat sie noch nicht erreicht, als er hinter sich ein Schnauben hört, einen Schrei ausstösst, unter der Wucht des fürchterlichen Hornes hoch in die Luft fliegt und als knackende Masse unter den Pfoten des Ungetüms förmlich im aufgestampften Moorboden verschwindet. Im Moment des Hornstosses erhält zwar das rasende Tier einen sausenden Keulenwurf an sein rechtes Auge, aber dieser Mückenstich steigert höchstens seine Wut und da fliegt auch der kühne Werfer, der den Tod von seinem Kameraden ablenken wollte, hoch über die Büsche, und das unberechenbare Tier ist im hohen Dickicht verschwunden.

Ein Jagdruf ertönt, und da kommen sie von allen Seiten heran, zaudernd und die Frage des Schreckens im Gesicht:

«Er war es!»

«Wer?»

«Der Gott der Tiefe!»

«Nein, sein Pferd, auf dem er unsichtbar reitet!»

«Es war das Einhorn!», entscheidet ein braungebrannter, starkknochiger Jäger, wohl der Führer des Trupps. Denn er trägt um seinen sehnigen Hals an einem gedrehten Hundsdarm eine Reihe durchlochter Reisszähne vom grossen Höhlenlöwen. In seinen wildabspringenden Barthaaren zeigen sich bereits einige Strähnen mit Weiss vermischt, obwohl er erst vierhundertachtzig Jahre zählt. Aber sein Auge flackert noch jugendlich durch die Haarquasten wie die Frühlingssonne durch Morgennebel.

«Wo ist Tjuwal, mein Sohn?», fragt er nun hastig, die Reihen der Seinen musternd und mit verhaltener Angst.

«Er hat das Einhorn mit der Keule beworfen, um Rahon zu retten, Vater Tosar, aber …»

«Wo – wo ist er?»

«Da drüben muss er liegen …»

Zaghaft mit geweiteten Augen nähert sich Tosar der bezeichneten Stelle, und schweigsam folgen ihm die anderen.

Hier liegt in seinem Blut, mit kurzem Atem, noch halb auf einer niedergedrückten Erlenstaude, Tjuwal, der kühne Keulenwerfer. In seiner rechten Seite unter den falschen Rippen hat er eine furchtbare Risswunde. Der Alte beugt sich nieder und befühlt den Verwundeten.

«Tjuwal wird nicht sterben», entscheidet er mit einem langen Atemzug. «Tjuwal, mein Sohn, hast du Weh? Willst du essen?»

«Nein – Wasser – Heilkraut!»

«Das ist richtig», nickt Vater Tosar und sieht sich um. «Brecht zwei armdicke Birkenstämme und holt Wundschwamm!»

Während man in der Nähe die Stämmchen krachen hört, wäscht der heilkundige Häuptling seinem Sohn die Wunde aus, legt zerriebenen Heilklee und Wundschwamm auf, verbindet den Liegenden mit einem Fellfetzen und betet dabei zu seinem Gott in der Höhe. Die zwei Birkenstämme werden dem Verwundeten je quer unter dem Rücken und den Kniekehlen hindurchgeschoben.

«Zu den Wuronen!», befiehlt der Stammvater.

Alle schauen ihn erstaunt an, und Hurni, sein jüngerer Sohn, kann sich eines verwunderten Ausrufes nicht enthalten.

«Zu den Wuronen, Vater? – Welche Menschenfleisch essen und den Gott der Tiefe anbeten?»

«Ja, zu den Wuronen. Bis zu unseren Höhlen und Zelten haben wir mit dem Verwundeten drei Tage! Zu den Wuronen nur einen! – Wir leben in Frieden mit ihnen!»

Franz Heinrich Achermann

Walter Ackermann

Heinrich Federer

Laotse; Lao Tse

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