Flug mit Elisabeth

Walter Ackermann (1903-1939)

neu herausgegeben & sanft bearbeitet von Tanja Alexa Holzer

Château de Malagny,
Getnhod près Genève

An irgendeinem Sommertag …

 

 

Vielliebe Gret und Haubenmeise!

 

Was meinst Du zu diesem Absender? «Château de Malagny» – wie sich das schreibt! Château – mit accent circonflexe «qu’on met sur une voyelle longue». Du hörst von seltsamen Dingen …

Ich bin eine Prinzessin, mit Schloss und Park und Königreich, mit Schwertlilien und Rittersporn zur Seite. Gärten, Teich, Wald und Seegestade sind mein eigen. Ich schaue von meiner Schlossterrasse über leuchtende Blumenbeete, über einen glitzernden See, in grüne Baumkronen, in einem hohen Sommerwolkenhimmel – ach, was sollen arme Worte mit so viel unnennbarer Schönheit!

Feenhände haben mich unter Tlyzinen und Goldregen getragen. Um mich herum ist die Welt so schön, dass die Zaubergärten meiner Träume versinken. Ich habe Herzklopfen vor Sommerglück.

Liebe Gret, es wird nichts aus dem langen Brief, den Du bekommen solltest. Ich hätte Dir so sehr viel zu erzählen, aber ich kann nicht länger über Briefen sitzen – mein Märchen ruft! Es ist voller Geheimnisse, die ich noch nicht bestaunt – voller Wunder, die ich noch nicht gesehen habe. Ich bin ja erst seit gestern Prinzessin …

Nun kommt auch noch Klavierspiel aus dem Schloss! Wie Perlen rieseln die Klänge in die Stille meines Märchenparks.

Debussy? …

«Les Arabesques»!

Das ist nun fast zu viel!

Und weisst Du, wer da spielt? Es ist Hedwig – einstmals die Wachtel genannt – sie lässt Dich grüssen … (Rätsel über Rätsel, nicht wahr?)

Klematisblättchen fallen auf mein Papier, ein märchenechter Streusand!

Gedulde Dich, Gret! Morgen sollst Du wieder hören von Deiner verzauberten

Elisabeth

Berlin-Tempelhof, 19. Juni
An Bord HB IRE – 13.00

 

Peter

 

Lange hat es gedauert, bis Du wieder einmal von Dir hast hören lassen, alter Strolch! Sollst nun auf dem schnellsten Wege ein paar Zeilen haben – so schwer es fällt, bei dieser Sonnenglut die Mittagsrast zu verschreiben.

Diesmal ist es Berlin, wie Du siehst. Wir haben soeben «an Bord unseres Flugzeuges» gefrühstückt. Nicht in dreitausend Meter Höhe und nicht bei zweihundertachtzig Kilometer Stundengeschwindigkeit – so «löntschen» nur die sehr verehrten Passagiere. Die Besatzung futtert zwischendurch mal rasch am Boden (und das gehört sich so). Tomaten, Schinkenbrot und Tee, hübsch hergerichtet und auf dem Tablett an die Kabinensessel serviert – sehr nett macht das unsere kleine Stewardess. Nicht daran zu denken, wie man in früheren Jahren auf einer Wetterwarte ein benzinduftendes Wurstbrot verdrücken musste, das man in einer Knietasche des Lederzeuges über einige hundert Kilometer mit sich herumgeschleppt hatte. Aber damals waren wir ja noch Piloten und heute nennt man uns Flugkapitäne …

Also Peter – mit Deiner schönen Nichtsteuerzeit scheint es nun ein Ende zu haben. Zwei Stellungen zugleich in Aussicht – da darf man gratulieren! Jetzt hast Du die Qual der Wahl. Direktionssekretär bei der Königlichen Holländischen Luftfahrt-Gesellschaft wäre natürlich eine stolze Sache und hat bei Deinem Flugfimmel ihre ganz besonderen Reize. Wenn schon nicht selbst fliegen können, dann doch wenigstens die Nase immer dicht dabeihaben, nicht wahr? Aber ich bin für die andere Möglichkeit – bei dem Unternehmen für Wasserfiltrier-Anlagen weisst Du doch, weshalb Du Deine fünf Jahre Chemie studiert hast. Es wäre schade, wenn Du die zehn Semester in Zürich umsonst geochst hättest. Und die Flugbegeisterung flammt auch nicht ewig himmelhoch. Überleg Dir’s gut!

Wann ich endlich wieder nach Amsterdam komme? Du fragst im richtigen Augenblick! Seit bald zehn Wochen fliege ich Berlin, London, Paris und Wien. Es wäre an der Zeit, wieder einmal Kompasskurs in die Niederlande zu nehmen. Noch ist zwar die Streckenzuteilung für den nächsten Turnus nicht heraus, aber ich habe gestern erfahren, dass ich in den nächsten vierzehn Tagen einige Male auf Strecke 31 eingesetzt werde. Da freut man sich – lange genug war ich nicht mehr im Tulpenländchen, und jetzt im Juni ist es doch bei Euch am allerschönsten.

Wenn Du über einen Samstag-Sonntag von Hilversum herüberkommen könntest, wäre das natürlich ein grosses Fest. Vielleicht kriegst Du von Deinen Freunden wieder die «Jenny» ausgeliehen und holst mich mit dem weissen Wunderkahn in Schiphol ab. Um eine bezaubernde Fracht dürftest Du ja nicht verlegen sein. Dann wollen wir zusammen einen Genever trinken und wieder einmal im Blumenduft durch die Kanäle strolchen, bis bei Mädchenlagen und Grammophon-Gedudel die Sterne über uns verblassen!

Jetzt rollt Euer viermotoriger «Papegaai» neben unsere Douglas auf die Plattform. Ich will ihm diesen Zettel noch mitgeben, dann hast Du ihn abends in Hilversum. Die Flecken auf dem Papier rühren nicht von Schinkenbrotfingern, sondern von Schweisstropfen her! Eine Bombenhitze ist das in unserem Blechkasten, wenn er eine Weile an der Sonne steht. Und am Thüringerwald wird wieder grosse Gewitterparade sein. Man sah schon beim Herflug am Morgen, wie sich zwischen zwei- und dreitausend Metern die Blumenkohlwolken zum nachmittäglichen Feuerwerk besammelten.

Eigentlich Unsinn, am Vormittag siebenhundert Kilometer nach Norden aufzuspulen, nur um dann den Vogel um hundertachtzig Grad zu drehen und nachmittags dieselbe Strecke wieder nach Süden abzubrummen. Das danken wir den Schnellflugzeugen. Früher hatte man doch noch für zwanzig Stunden eine andere Stadt in der Tasche. Heute ist man abends wieder zu Hause wie ein braver Bankbeamter.

Nur Amsterdam macht noch eine Ausnahme. Darum freue ich mich, wieder einmal auf Strecke 31 zu kommen. Es ist immer noch die alte, liebe Hupfstrecke: Amsterdam – Köln – Frankfurt – Basel – Zürich – Genf. Einen Abend in Schiphol, den anderen in Genf – das ist ein hübscher Wechsel, der an die schönen, alten Zeiten erinnert.

Was es sonst Neues gibt? Nicht viel, Peter. Das Gependel zwischen den Metropolen wird immer alltäglicher. Es ist aus mit der Romantik am Himmel Europas.

Heute habe ich in der Kabine hinten einem hübschen Intermezzo beigewohnt. Wir hatten seit Langem wieder einmal ein Hochzeitspärchen an Bord. Gleich nach dem Start in Stuttgart kam die Stewardess nach vorne und zeigte mir stolz eine noch tintenfeuchte Eintragung in ihrem Bordbuch. «Ein herrlicher Start in herrliche Flitterwochen» hatte da der junge Herr Gemahl in schwungvollen Zügen hingeschmissen. So etwas freut einen – endlich wieder einmal Leute, die die Welt mit glücklichen Augen zu sehen vermögen.

Eine Stunde später liess ich mir beim Kontrollgang durch die Kabine von der Stewardess die beiden verliebten Täubchen zeigen. Sie sahen im Augenblick nicht mehr gerade sehr glücklich aus. «Du bist der unmöglichste Mensch, der mir je begegnet ist», zischte es von ihr zu ihm hinüber, als ich langsam zwischen den Sesseln durchging.

Auch im Honigmond blüht keine blaue Blume mehr …

Der «Papegaai» lässt seine Motoren brummen! Peter, ich gebe Dir Nachricht, sobald ich weiss, an welchen Tagen der Wind mich an die Zidersee bläst.

Auf Wiedersehen in Schiphol!

Werner

Malagny, 19. Juni

 

Welch ein Erwachen, liebe Gret!

 

Tauben haben mich geweckt. Mit zartem Gurren lockten sie mich aus dem Schlaf. Ich spürte den Sommermorgen durch die geschlossenen Fensterläden. Ganz leise habe ich sie aufgestossen, eine Nase voll Rosenduft genommen und mich nun in aller Frühe an diesen Brief gemacht.

Mit dem Gruss von gestern hast Du wohl nicht viel anzufangen gewusst? Vor vierzehn Tagen noch in Moll und eine volle Oktave tiefer und nun mit einem Mal so viel Überschwang! Ach Gret, ich habe mich immer noch nicht ganz in den Sphären zurechtgefunden, in die ich verzaubert worden bin …

Hedwig hat Märchenfee gespielt! Du weisst, wochenlang vernimmt man kein Wort von ihr, beide glaubten wir sie in Holland bis über die Ohren in Glück und Sorge ihres jungen Hausstandes versunken. Nun fällt sie vorgestern wie eine Sternschnuppe in den Eschengraben, präsentiert Tony, ihren Gemahl (ohne Bügelfalten) und sagt, ich solle mich mit dem Kofferpacken beeilen, draussen warte das Auto und man wolle am frühen Abend noch in Genf sein …

Als ob man das tags zuvor so verabredet hätte und nicht drei Jahre vergangen wären, seit man sich zum letzten Mal gesehen hatte!

Es war eine liebe Überrumpelung, ganz in der Art der Hedwig aus den Lausanner Zeiten.

Ich wollte zuerst nicht – konnte doch nicht einfach alles stehen und liegen lassen – wie sollten sie sich zu Hause ohne mich zurechtfinden! Aber Hedwig liess nichts gelten und unser Vater, der aus seinem Musikzimmer geholt wurde, fand wie immer den Weg von den Noten in die Welt schwer und konnte keinen Grund sehen, weshalb ich nicht wegfahren sollte. Man würde sich schon zu helfen wissen und Christel und Jürg müssten nun eben für einmal ohne mich auskommen. Sie freuten sich alle drei für mich und sahen dann beim eiligen Abschied doch so verloren in die Welt.

Je weiter wir vom Eschengraben fortgekommen waren, umso mehr überliess ich mich dem Zauber dieser Fahrt ins Blaue. Hedwig plauderte von hundert Dingen, und manchmal schaute Tony zurück und lachte mich an, als hätten wir uns schon seit Jahren gekannt. In Lausanne wusste ich immer noch nicht, wohin denn nun die Reise eigentlich gehen sollte. Wir sausten dem ganzen Ufer des Genfersees entlang. Dann hinter Versoix bogen wir plötzlich ab, ein riesiges, schmiedeisernes Tor tat sich auf und über knirschenden Kies fuhren wir in die Dämmerung einer mächtigen Platanenallee ein, an deren Ende ein schneeweisses Schloss wie die Behausung aller Märchenträume winkte.

Man sei nun auf Malagny, wurde mir erklärt. Ich konnte nicht mehr viel sagen. Mir war ganz schummrig zumute, als ich im Schlosshof stand.

Hedwig nahm mich beim Arm und führte mich über die Treppen gleich in ihr Schlafzimmer. Auf Zehenspitzen gingen wir zum Wagen hin und beugten uns über die kleine «Nanapuk», die da in ihren Kissen schlummerte – ein winziges, rosiges Köpfchen, bei dessen Anblick einem das Herz schneller schlug!

In alten, hochlehnigen Sesseln sassen wir später beim Abendessen. Eine Schale voll gelber Rosen stand auf dem Tisch und vor jedem Gedeck brannte eine Kerze. Tony goss den Neuenburger in die Kristallgläser und eine junge, flachsblonde Holländerin im weissen Häubchen huschte als dienstbarer Geist durchs Zimmer.

«Denk nicht, wir seien Schlossbesitzer geworden», lachte Hedwig, «die ganze Herrlichkeit ist uns nur ausgeliehen! Malagny gehört alten Freunden in Holland.» Und weil die betagten Herrschaften ihre Sommerresidenz in diesem Jahr nicht beziehen konnten, habe man Hedwig und Tony eingeladen, den Sommer da unten zu verbringen. Es traf sich besonders gut, da Tony für eine grössere Arbeit auf ein halbes Jahr von seinem Museum in Haag beurlaubt worden ist. Vor vierzehn Tagen war man also eingezogen, heute hatte man irgendwo im Land durchreisende Verwandte treffen müssen und mich dann auf der Rückfahrt mitgenommen.

«Nun sind wir froh, dass wir Dich hier haben», meinte Hedwig, «denn manchmal fühlen wir uns etwas verloren in dieser weitläufigen Pracht.»

Draussen stieg die Sommernacht herauf, Platanen wuchsen in den Sternenhimmel und vom See her kam ein zarter Lufthauch durch die offenen Fenster, der die Kerzen auf dem damastenen Tischtuch leise flackern liess … Es war etwas viel Herrlichkeit, die da so plötzlich über mich hereinbrach. Und als Hedwig mit mir auf die Zeiten von Ouchy anstiess und Tony mich lächelnd mit seinen Brillengläsern anfunkelte, wäre mir fast weich ums Herz geworden.

Es dauerte lange, bis ich einschlafen konnte. Zage Vogelstimmen flöteten in die Stille und der Rosengarten vor meinem Fenster träumte seinen Duft zu mir herein …

So hat das Märchen von Malagny begonnen.

Wie es hier aussieht? Das kann ich Dir nicht sagen, Gret. Ich kann Dir nur in armseligen Worten einen Teil der Herrlichkeiten aufzählen, die es da gibt.

Da ist einmal das Schloss, von dessen Terrasse aus Du über den ganzen See hinüber bis in die Alpen und zum Mont Blanc siehst. Da sind die weiten, mit mächtigen Baumgruppen bestandenen Rasenflächen, die sich in sanftem Gefälle zum See hin senken, wo unser Strand mit seiner Mole und mit Bootshaus liegt. Da ist rückwärts des Schlosses, wo die Silhouette des Jura am Horizont steht, die «Cour» mit all den Dépendancen darum herum: mit Landhaus, Gewächshäusern, Stallungen und Garagen. Da sind die Gärten, ein Teich, ein Waldpark und ein verwildertes Gehölz. Auch eine Ferme ist auf Malagny, mit Wiesen und weidenden Kühen darauf, mit Kornfeldern und blühendem Mohn. Drei Tage bin ich nun hier und noch immer nicht überall herumgekommen. Du gehst und gehst und findest kaum den Weg zurück. Du schlenderst in schattigen Alleen oder auf verschlungenen Seitenpfaden durch Rasen, unter Baumgruppen, an Buschreihen entlang und kommst immer wieder vor neue Wunder und Überraschungen. Malagny – das ist eine Traumwelt!

… Jetzt höre ich seewärts einen summenden Ton hinter den Platanenwipfeln. Das ist unser Wecker – das Morgenflugzeug von Cointrin. Sieben Uhr, der Tag beginnt mit dem Morgenbad im See!

Zwei Stunden später.

Ich muss mit Tony zur Stadt fahren. Hedwig hat mir eine Menge Besorgungen aufgetragen. Deinen Brief nehme ich zur Post mit, obwohl er noch gar nicht fertig ist. Gib Dich einstweilen mit diesem Anfang zufrieden. Ich habe Dir noch sehr Wichtiges zu erzählen – aber das gehört auf ein anderes Blatt.

Hedwig will noch ein paar Zeilen beilegen. Lass bald von Dir hören, Gret! Wir denken jetzt viel an Dich.

Deine glückliche Elisabeth

Amsterdam-Schiphol, 20. Juni

 

 

Bist doch ein findiger Bursche, Peter! Schickst Deinen Brief schon nach Schiphol, bevor ich selbst weiss, dass ich herkomme. Hast es wohl gerochen, dass Strecke 31 in der Luft hing? Programmgemäss hätte ich erst in drei Tagen nach Amsterdam kommen sollen. Aber Kessler war heute noch nicht von einem Sonderflug zurück und so musste ich für ihn einspringen.

War übrigens ein wenig schöner Empfang, den mir die Niederlande bereiteten. Schon zwischen Frankfurt und Köln geriet ich in die Vorläufer einer wüsten Sache, die von Westen herankam. Und von Köln nach Amsterdam war dann stürmische Waschküche. Es war bockig wie der Teufel, und der schwarze Wolkendreck so stark geladen, dass nach einer Viertelstunde keine Funkverbindung mehr möglich war. So tauchte ich wieder ab, bis ich in zweihundert Metern Erdsicht bekam und brauste unten durch nach Amsterdam. Ist ja ein Spass, mit zweihundertfünfzig Stundenkilometern parterre zu fliegen, wenn die höchsten Hindernisse, die einem begegnen können, die Blitzableiter auf den Kirchtürmen sind! Du kannst Dir gar nicht denken, welches Gefühl das ist, sich in einer Gegend zu wissen, wo man sich ohne jede Peilung in allen Richtungen der Kompassrose fröhlich aus den Wolken plumpsen lassen kann, weil es ganz einfach nirgends Berge gibt. Man muss in unserem Ländchen fliegerisch aufgewachsen sein, um so etwas schätzen zu können!

Du hast also einen Auftrag für mich? Selbstverständlich, Peter! Wenn du zurzeit Freunde in Genf weisst und mir gerne eine Sendung für sie mitgeben möchtest – bring alles hierher – wird prompt besorgt – sofern es kein Schmuggelgut ist!

Was ist das übrigens für ein «Château», von dem Du da schreibst? Malagny heisst das und liegt zwischen Genthod und Versoix? Das müsste doch dicht am Kurs nach Cointrin liegen. Muss mir morgen das sagenhafte Schlösschen einmal anschauen!

Damit ich’s nicht vergesse: Trudy und Pump lassen grüssen und meinen, es wäre nett, wenn Du wieder einmal von Dir hören liessest. Sie sind umgezogen und wohnen jetzt «im Schilf». Vorgestern war «Hausräuke» bei ihnen – eine charmante Angelegenheit unter der Devise: «Ein Abend in der Pump-Bar». Du kannst Dir vorstellen, wie wir gewirkt haben! Eine mächtige Bar mit Dekorationen und allem Teufel war aufgebaut worden. Pump und ich spielten Mixer – stilecht – in weissen Jacken! Pump, der Gauner, verdrückte sich zwar nach einer halben Stunde ins Tanzgewühl seiner Gäste und liess mich allein schuften – wohl wissend, dass er mich damit für manch anderes ausser Gefecht setzte. Ich hatte alle Hände voll zu tun. Die Bar war ein Schlager. Es ging aus dem Vollen.

Nach zwei Stunden sah ich, dass irgendetwas geschehen müsse, um das Interesse von meiner Theke abzulenken, umso mehr, als sich Trudy darüber beklagte, dass unter diesem steten Drang nach der Bar der anderweitige Verlauf des Festprogramms zu leiden habe. So mixte ich denn einen Triple-W aus Whisky, Wodka, Wermut, dem ich einen Schuss Pfefferminz dazugab, und als sich nach grosser Polonaise mit abschliessendem Schnellwalzer die erhitzten Gemüter wieder vor meine Theke drängten, liess ich das flüssige Dynamit als «kiss me quick» auf meine Gäste los. Man trank in Mengen und fand die geheim gehaltene Mischung äusserst originell.

In den nächsten zwei Stunden wurden keine Cocktails mehr verlangt. Dafür war Eiswasser sehr gefragt, und da und dort sah man seltsam entgeisterte Gesichter.

Bessie war übrigens auch da. Sie hat sich angelegentlich nach Dir erkundigt und sich bitter darüber beklagt, dass Du seit Deiner Abreise von Zürich kaum mehr hast von Dir hören lassen. Ich hatte immer geglaubt, dass Ihr Euch heftig schreibt … aus den Augen – aus dem Sinn?

Tuk – Tuk – da höre ich vor dem Fenster draussen seit langer Zeit zum ersten Mal wieder das altvertraute Motorengeräusch der Blumenboote, die durch den Kanal ziehen. Nimmt mich Wunder, wie ich heute schlafen werde.

Muss Schluss machen. Die Besatzung der Pariser Maschine hat mich soeben für eine Partie Rommé gekeilt. Etwas anderes bleibt ja nicht zu tun bei diesem Hundewetter.

Übermorgen bin ich wieder in Schiphol.

Es grüsst Dich

Dein Werner

Malagny, 21. Juni

 

Liebste Gret

 

Nun doch für Dich einige Zeilen! Eben habe ich einen Brief an Christel beendet, der eine ellenlange Liste von Anweisungen und Ratschlägen enthält. Denn wenn ich an die hausfraulichen Fähigkeiten meiner Schwester denke, wird mir Angst und Bange und ich meine, ich müsse mit dem nächsten Zug nach Hause fahren, um zum Rechten zu sehen. Vielleicht aber ist es ganz gut für Christel, dass sie nun einmal Haushalt führen und mit beiden Händen zugreifen muss. Sie wird nun ja bald siebzehn Jahre alt und mit ihrem Violinspiel allein ist es später einmal nicht getan.

Vater schreibt zwar, es sei alles in bester Ordnung, aber ich fürchte, die Armen essen seit meiner Abreise nur noch Eier und Salat, und so habe ich denn Christel eine Anzahl Menus zusammengestellt und ihre Zubereitung mit einer Genauigkeit ausgearbeitet, an der sogar das liebe Walross in der «Speranza» ihre Freude gehabt hätte. Wenn die Gute wüsste, was ich inzwischen alles gelernt habe! Erinnerst Du Dich der goldenen Worte, die sie jeweils im Haushaltkurs prägte, wenn sie mit leidender Miene in unseren Platten herumstocherte? «Fräulein Anwil, falls Sie einmal heiraten sollten, mit einem solchen Rumpsteak legen Sie sich den Grundstein zum Grabmal Ihrer Ehe!»

Ach Gret, jene Zeiten von Ouchy, wie sie hier mit Hedwig zusammen wieder lebendig werden! Wir plaudern so oft von der «Speranza», von Mademoiselle Berthe, vom Walross, vom Miss Mac und von Zimmer neun. Haben Dir nie die Ohren geklungen? Könntest Du bei uns sein, wäre unsere Volière wieder beisammen: Pfauentaube, Haubenmeise und Goldammer – was waren wir doch für verträumte Geschöpfe damals. Und wie schön, wie wunderschön war jene Zeit!

Es ist still hier auf Malagny! Ich sitze allein auf unserer Veranda – nur «Scotty» ist bei mir, dieser kurzbeinige struppige Strolch, der mir immer wieder seinen Ball vor die Füsse stupft. Er kann einen mit seinen schwarzen Augen so rührend-possierlich anschauen, dass man ihm immer wieder den Gefallen tun muss.

Wir wohnen natürlich nicht im Schloss, sondern in der «villa dépendance» – einem langgezogenen, einstöckigen Landhaus, dessen Fassaden auf der einen Seite in den Schlosshof, auf der anderen in den Rosengarten gehen. Glyzinen und Klematis ranken nebeneinander an den Mauern hoch, zur Seite der Türen stehen Goldregenbüsche und an der Hausecke klettert Geissblatt bis unters Dach hinauf. Das alles blüht und duftet, dass man fast benommen wird davon.

Das Schloss selbst liegt in tiefem Dornröschenschlaf. Nur Hedwig geht manchmal hinüber in den Musiksalon und spielt Chopin, Brahms und Debussy.

Vor mir liegt der Rosengarten. Unser Gärtner Francois ist ein vollendeter Künstler. Weisse und gelbe Rosen stehen über einem Heliotrop-Teppich und über blauen Glockenblumen; dunkelrote blühen über gelbem Grund und hellrote leuchten über weiss. Diese duftende Schönheit hüllt mich immer in Märchenstimmung. Es fehlt nur der Prinz! Ein junger Mann hat sich zwar schon eingestellt und seine Reverenz gemacht! Aber er ist weder aus einer Rosenhecke hervorgetreten, noch musste ich ihn erst von schlimmer Verwünschung erlösen. Es liess sich alles ganz vernünftig an und es wäre mir selbst unter Zuhilfenahme meiner glühendsten Fantasie nicht möglich, den guten Richard Hersberg mit romantischem Zauber zu umgeben. Dafür kennen wir uns schon zu lange.

Ja Gret, das ist das Geheimnis, das mir auf dem Herzen brennt! Ich musste es erst eine Weile mit mir herumtragen, bevor ich zu Dir – und nur zu Dir – davon reden konnte. Einige Tage vor meiner Abreise habe ich einen «Antrag» bekommen. Welch dummes Wort. Man muss dabei immer an einen Blumenstrauss und an weisse Handschuhe denken!

Richard hatte mich abends, wie schon oft, noch zu einer kleinen Ausfahrt abgeholt und auf dem Weg zur Trunsburg hielten wir beim Känzeli an und da hat er sich ein Herz gefasst und mich gefragt, wie das nun wäre mit uns beiden.

Was ist das doch für ein sonderbarer Augenblick, wenn diese Frage auf einen zukommt! Sie kam nicht einmal überraschend – ich hatte ja längst etwas geahnt – und dennoch wusste ich nun nicht, was ich sagen sollte. Ich hatte weder Ja noch Nein noch irgend sonst etwas in Bereitschaft und musste schliesslich Richard bitten, mich noch ein wenig darüber schlafen zu lassen – solch eine Antwort brauche ja doch ihre Zeit …

Drei Tage später erschien Hedwig im Eschengraben. Mir ist, als hätte mich das Schicksal nach Malagny verzaubert, um mir die Möglichkeit zu geben, fern von allen anderen Sorgen in Ruhe mein Herz zu befragen. Aber dieses dumme Herz klopft und klopft nur vor selbstvergessener Freude über all die Schönheit, die es sieht, und gibt mir keine Antwort.

Scotty hat heute seinen verspielten Tag. Immer wieder stupft mir dieser Plaggeist den Ball vor die Füsse. Ich muss ihm endlich den Gefallen tun und mich unten ein wenig mit ihm austoben.

 

***

 

Einen seltsamen Besuch hatten wir soeben über Malagny! Ich bin grässlich erschrocken dabei und habe noch jetzt ein lockeres Gefühl in den Knien. Ich stand gerade beim Goldfischbecken und träumte den Wolken nach, die ich hinter meinem Spiegelbild im Wasser ziehen sah. Da brauste es hinter mir plötzlich über das Schloss heran und ehe ich mich umdrehen konnte, schoss wie ein Raubvogel ein grosses Flugzeug über mich hinweg. Es zog eine donnernde Kurve über dem Rosengarten und verschwand dann hinter den Platanenwipfeln.

Noch nie habe ich ein Flugzeug aus solcher Nähe gesehen. Es flog so niedrig, dass ich meinte, es müsse mit den Flügelspitzen die Bäume streifen. Es war schön und etwas unheimlich zugleich, wie dieser Riesenvogel mit silberglänzenden Flügeln seinen Kreis zog. Er hatte mich so jäh aus meinen Gedanken gerissen, dass ich wie gelähmt stand und ganz vergass, zum Gruss hinaufzuwinken.

Dumm – wie man so erschrecken kann! Was dieser Besuch wohl bedeuten mochte? Sonst sah man das Flugzeug immer weit draussen am See mit leisem Summen vorüberfliegen.

Dieser Scotty ist doch ein Nichtsnutz! Jetzt ist er an mir hochgesprungen und mit den Krallen im Kleid hängen geblieben! Und es ist gerade mein allerbestes – das hellgrüne, weisst Du – das ich mir nach Deiner Skizze angefertigt habe.

Ich muss mich rasch umziehen, in einer Viertelstunde kommen Gäste. Verzeih den eiligen Schluss, der schlimme Scotty hat Schuld. Er trollt sich soeben schuldbewusst die Stiege hinunter und wackelt auf seinen krummen Beinen so possierlich davon, dass ich ihm schon nicht mehr richtig böse sein kann.

Morgen, hoffe ich, wird ein Briefchen von Dir da sein.

Nimm viele liebe Grüsse von Deiner

Elisabeth

Franz Heinrich Achermann

Walter Ackermann

Heinrich Federer

Laotse; Lao Tse

Meinrad Lienert

Rainer Maria Rilke

Johanna Spyri

Rudolf Steiner

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