Bordbuch eines Verkehrsfliegers

Walter Ackermann (1903-1939)

8. Der Marienkäfer

Heute, dachte ich, heute werde ich einmal in grossen Bogen fliegen, werde den Strich laufen lassen, wie er will, werde links und rechts davon über den Zaun gucken. Ich hatte eine leichte Brise im Rücken und Zeit genug. Ohne Passagiere, mit einem Postsack in der Kabine, hatten sie mich in Stuttgart losgeschickt. Der Anschluss aus Berlin war weit vor der Zeit dagewesen, alles hatte geklappt und auf die Minute genau hatte ich am Ende des Flugplatzes Vollgas gegeben. Heute werde ich früh zu Hause sein.

Allein an Bord! Das gibt in dieser grossen Maschine ein freies, ein fast übermütiges Gefühl. Es ist, als wäre man nur zum eigenen Vergnügen über weitem, fremdem Land unterwegs.

Da und dort stehen kleine Schneebälle am blauen Himmel. Ich gehe nur wenige hundert Meter hoch. Je näher dem Boden, umso schöner das Fliegen, um so reiz- und wechselvoller die Überraschungen von oben erhaschter Einzelheiten.

Welch ein Vergnügen, bewusst vom altbekannten Strich abzuweichen, in der Luft herumzustrolchen, einen Hügelkamm anzufliegen, an dem man immer kilometerweit vorbeigezogen war, ein Stück weit in ein Seitental einzubiegen, in das man immer nur von Weitem geschaut hatte.

Da und dort neben den Schnitthaufen auf den Feldern heben sie die Köpfe und winken herauf. Ein froher, sonniger Tag ist das heute.

In der Art wie eine Wiesenmulde sich senkt, wie eine Waldecke in die Felder stösst, wie eine einsame Strasse sich durch Weiden krümmt, liegt das Lachen der Erde.

Fast drei Viertel der Strecke liegen hinter mir. Nun will ich einen letzten Bogen schlagen, will noch einmal nach Westen ausbiegen, über langgestreckte Waldhänge streichen, dann bei Schaffhausen tief den Rhein überqueren. Man soll das ja eigentlich nicht tun. Man soll, wenn es nicht nötig ist, nie niedrig über ein Gelände fliegen, das keine Notlandemöglichkeiten bietet. Und man soll immer mit einer Panne rechnen. Aber solche Gedanken passen nicht zum heutigen Tag. Auch bin ich allein. Und der Motor schnurrt so zuverlässig, dass an ein Versagen gar nicht zu denken ist. Ich werde also dort hinüber fliegen und zwar tief, ganz tief.

Ein winzig kleines Lebewesen lässt mich meine Absicht vergessen, hält mich von meinem Plan zurück. Schau da – auf meinem Handschuh sitzt ein Marienkäfer! Rot geflügelt, schwarz getupft, ein echter, rechter Herrgottskäfer. Woher, wohin – kleiner Wicht? Bist du schon in Stuttgart zugestiegen, oder unterwegs hereingewirbelt worden? Ein ganz besonderer Käfer bist du – fliegst in einer Stunde weltenferne Weiten, die du sonst in hundert deiner kleinen Leben nicht zurückgelegt hättest.

Ich habe sie schon immer gut leiden mögen, die Marienkäfer. Weiss nicht, warum. Vielleicht weil meine Mutter sie so gern hat.

Nun bin ich nicht mehr allein an Bord. Auch wenn es nur ein winziger Käfer ist – ein Lebewesen teilt mit mir die Einsamkeit. Er krabbelt auf dem Handschuhrücken hin und her, bekommt es plötzlich mit der Eile und verschwindet zwischen zwei Fingern. Ich nehme die Hand vom Steuer und versuche, das winzige Halbkügelchen vorsichtig abzustreifen. Ich möchte den kleinen Kerl in Sicherheit bringen, ihn nicht am Steuer zerdrücken. Aber der Marienkäfer hat seine eigenen Pläne. Er will nicht von meiner Hand und spaziert anhänglich um die einzelnen Finger herum. Wenn ich ihn für Augenblicke nicht mehr sehe und schon verloren glaube, taucht er plötzlich irgendwo am Handschuh wieder auf. Es wird ein richtiges, kleines Geduldspiel. Der winzige, blinde Passagier lässt mich für Minuten die Welt um mich he-rum vergessen. Ich habe mich im Sitz zusammengekauert und achte kaum auf meine Richtung. Fünfhundert Meter hoch, am Steuer eines Flugzeuges, spielt ein Marienkäfer mit mir Verstecken.

Dann plötzlich lässt mich ein sonderbares Klopfen aufhorchen. Was ist das für ein eigenartiges Hämmern im Motor? Am Bordbrett vibrieren die Instrumente. Schläge durchzittern die Maschine, die sich von Augenblick zu Augenblick verstärken. Ich drossle ab, versuche langsam wieder Gas zu geben, Hammerschläge durchpoltern den Motor. Das ist Kurbelwellenbruch – die schwerste Panne, die es gibt – ich muss notlanden!

Ich schalte die Zündung aus. Plötzlich ist Stille um mich. Die Nase des Flugzeuges senkt sich. Meine erste Notlandung. Herrgott – nur jetzt die Kiste nicht zusammenhauen!

Mit einem Blick greife ich das Gelände. Schräg vor mir liegt ebener, grüner Rasen. Ich bin noch dreihundert Meter hoch, als ich drüber bin. Der Propeller steht. In einer Linkskurve ziele ich mich auf den Platz. Sanft setzt sich die Maschine in die blumige Wiese, rollt aus, steht unbeschadet still. Ich habe ein ähnlich grosses Gefühl wie nach der Landung beim ersten Alleinflug.

Hoch schlug das Herz, mit beiden Füssen trat ich fest ins Gras. Und sehr von oben herab griff ich einen Propellerflügel und horchte auf das Knacken im Motor. Das also ist Kurbelwellenbruch!

Viel später erst habe ich mich eines winzigen Käfers erinnert, eines rot geflügelten, schwarz getupften Herrgottskäfers, der hoch oben mit mir Verstecken gespielt und mich glücklich über eine Wiese gelotst hatte.

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