#Coronageschichten

von Alexandra Haas

Unruhe

Viele der Parkplätze meines Lieblings-Supermarkts, dessen Name in grünen Blockbuchstaben über dem Eingang leuchtet, sind besetzt. Aber auch nicht mehr als sonst. Ich gehe zu den Einkaufswagen, stecke eine Euromünze in den Schlitz, zögere aber, den Griff des Wagens zu berühren.

„Hilft ja nix!“ denke ich mir. Das, was da alles auf meiner Einkaufsliste steht, könnte ich sowieso nie und nimmer tragen. Zugriff.

Drinnen herrscht eine eigenartige Stimmung – zumindest kommt mir das so vor. Die Obst- und Gemüseabteilung ist nach wie vor gut sortiert. Nur wenige Produkte scheinen vergriffen. Kartoffeln zum Beispiel. Von denen liegen sonst mehr im Korb.

Die Menschen schieben ihre Einkaufswägen sehr gemächlich. Diese hektische „Der-Einkauf-musszackzack-erledigt-werden-Stimmung“, die sonst so oft herrscht, ist heute ganz und gar nicht zu spüren. Es scheint, als würde jeder Einkäufer die Regale ganz gezielt abscannen, nach Dingen, an die er vielleicht zuhause nicht gedacht hat. Eine ungewohnte Ruhe liegt in der Luft. Fast gruselig.

Ich kaufe gut haltbares Gemüse. Sorten, die nicht leicht verderblich sind und aus denen sich wunderbar Suppen kochen lassen. Das andere Gemüse kommt tiefgekühlt mit. TK-Produkte sind etwas, das es bei uns sonst gar nicht gibt. In der Not frisst der Teufel Fliegen!

Auch ich schlendere heute langsamer durch die Gänge. Ich habe ja keine Ahnung, wann ich das nächste Mal wieder einkaufen gehen werde. Niemand weiß so genau, wie es weitergeht. Komisches Gefühl. Dabei ist China doch so weit weg.

Ich beobachte die Menschen. Wenn sie aneinander vorbeigehen, drehen sie die Köpfe weg. Klar. Ich mache es auch nicht anders. Ich erwische mich sogar dabei, wie ich Menschen, deren Äußeres mir – meinem Verständnis nach – zu wenig gepflegt ist, aus dem Weg gehe. Dabei war ich gestern auch schon da. Da war noch alles ganz „normal“.

Ganz fest habe ich mir vorgenommen, mir auswärts nicht ins Gesicht zu fassen. Als würde sie nur darauf warten, beginnt meine Nase zu jucken. Ich rubble sie irgendwie am Kragen meines Mantels. Keine Ahnung, ob das besser ist. Für meine Nase ist es das kurzfristig auf jeden Fall.

Manche Plätze in den Regalen sind leer. Ich lese am Etikett, was die anderen so gekauft haben, und wir vielleicht auch brauchen könnten. Außer antibakterieller Seife war da eigentlich nichts dabei. In meinem Wagen finden sich neben Gemüse ganz alltägliche Dinge wie Mehl, Eier, haltbare Milchprodukte, alle möglichen Würste, die sich zum Einfrieren eignen. Hefe und Sauerteig, damit ich unser Brot eventuell einfach selber machen kann. Waschmittel, Körperpflegeprodukte.

Irgendwie erkenne ich mich selbst nicht wieder. Bis vor ein paar Tagen nahm ich alles noch sehr locker: „Wir haben die Schweine- und Vogelgrippe überlebt. Was solls! Bin ich halt ein paar Tage krank, sollte es mich erwischen.“ Normalerweise bin ich tiefenentspannt. Überzeugt davon, dass dieser Kelch an uns vorüberzieht.

Mir wäre lieber, unsere Gfraster könnten jetzt schon von der Schule zuhause bleiben.

Nein, ich hab´ keine Angst.

Unruhe. Heute spüre ich eine unbekannte Unruhe in mir…

Alexandra Haas

Aus Liebe geschlossen

Ab Montag sind also alle Oberstufen geschlossen. Unser Jüngster bleibt morgen schon zuhause – auf unsere Verantwortung. Wenn ich Nachrichten lese, spüre ich zwischen den Zeilen, dass die Schulen nicht das Einzige sind, was ab Montag geschlossen sein wird.

Ein beklemmendes Gefühl. Viel zu lang haben wir das Virus vielleicht zu wenig ernst, gar auf die leichte Schulter genommen. Mich eingeschlossen.

Was mich besonders irritiert ist dieser Coolness-Wettbewerb, der in den sozialen Medien und auch im echten Leben zu herrschen scheint. So etwas wie eine Mutprobe. „Wer traut sich am längsten unter d´Leut?“ Von Verschwörungstheorien, Panikmache, dummen Schafen ist die Rede. Wer sich sorgt, wird ausgelacht.

Ja, ich sorge mich. Um meine Mutter, die heuer ihren 70. Geburtstag feiern wird. Um meine Schwiegereltern, die beide gesundheitlich sehr angeschlagen sind und trotz mehrfach angebotener Hilfe, lieber selber einkaufen gehen. Sprachlos nehmen wir ihre Entscheidung hin.

Aber auch um meinen Mann sorge ich mich, der seit Wochen erkältet ist und die Symptome einfach nicht loswird.

Zum eigenen Schutz, zum Schutz anderer und um unseren Kindern mit bestem Beispiel voranzugehen, haben wir alle Termine – zuhause wie auswärts – abgesagt und igeln uns zuhause ein. Als selbstständige Unternehmer haben wir die Freiheit daheim zu bleiben. Was das wirtschaftlich für uns bedeutet zeigt sich allerdings erst.

Wir widmen uns seit heute vielen Dingen, die wir immer schon tun wollten und aus Zeitmangel bisher auf das berühmte Irgendwann verschoben haben.

Im Vorzimmer wird endlich der neue Boden verlegt, am Haus längst überfällige Arbeiten erledigt.

Ich habe heute schon Brot gebacken. Es duftet im Haus. Ich liebe es zu backen, in allen Variationen. Jetzt macht mein Backen sogar Sinn, ist zur Grundversorgung gedacht, und nicht nur zum Genuss und fürs süße Vergnügen.

Meine Männer haben heute Fußball gespielt. Das Wetter hat einfach dazu eingeladen. Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir nach draußen gehen können, ohne auf Menschen zu treffen. Wieder ein Grund, sich für ein Leben in der Pampa zu entscheiden. Ich kann mir keinen schöneren Ort für unseren Rückzug vorstellen. Außer eine Malediven-Insel vielleicht.

Wir reden viel. Hören einander zu. Schaffen Klarheit und Verständnis für diese neue Situation.

Unsere Kinder sind aufgeteilt – nicht, weil wir, oder sie das so wollten – es hat sich von selbst so ergeben. Unser Jüngster ist bei uns, meine Tochter bei ihrem Vater, meine Bonustochter bei ihrer Mutter. „Wird schon seinen Grund haben“ denk ich mir und übe mich im Vertrauen, dass die beiden jungen Damen keinen unüberlegten Blödsinn machen, den Ernst der Lage erkennen. Denn auch in den Ex-Familien gibt es Großeltern, die jenseits der 70 sind.

Vertrauen!

Alexandra Haas

Carepaket vom Universum

Ich habe nicht recherchiert, wie lang es die „Fridays for future“ Bewegung jetzt schon gibt. Sie ist meiner realistischen Einschätzung nach aber bedeutend jünger als die Sehnsucht, der Ruf der Menschheit nach Veränderung.

Klimagipfel, globale Meditations-Sessions, organisierte, wöchentliche Demos. Jugendliche mit entsprechender Medienwirksamkeit. Frauen-, Männer-, Heiler-, Hexen-, Agnihotra- und wasweißichnochfür-Bewegungen beteten im Kollektiv für die Heilung und Reinigung unseres Planeten. „Wir sollen verzichten!!! Auf unser Auto, auf das Reisen, auf Komfort, auf Luxus…!“

Wissen wir!

Zurück zu unserem Ursprung kommen. Damit unsere einzig wahre – nein, unser EINZIGE Heimat, sich endlich erholen kann, befreit wird, von den kopflosen Machenschaften und der Ausbeutung durch die Menschheit. Wir alle zusammen haben nicht den Hauch einer Idee, wie macht- und kraftvoll alle diese Gebete waren. Die unglaubliche Power, die da dahintersteckt, haben wir alle unterschätzt!

Universe was listening. Es ist ein guter Zuhörer!

Und falls jemand es noch nicht weiß… Das Universum hat echt Humor! Ich bin überzeugt, dass die da oben ihren Spaß dabei hatten, als sie sich den nächsten Spielzug ausdachten. Nun sind die Würfel gefallen! Eure, ihre, unsere, deine, meine Gebete wurden erhört! Das Carepaket ist da.

Das Universum lieferte diesmal etwas Unsichtbares. Etwas, das genug Spielraum für die wildesten Spekulationen – in wirklich ALLE Richtungen - offenlässt. Ich bin gespannt, wann die erste UFO-Theorie auftaucht. (Oder vielleicht gibt es die eh schon?)

Es ist keine große Überraschung für mich, dass die Sammelbestellung, die wir mit so viel Nachdruck und Dringlichkeit aufgegeben haben in einer Verpackung steckt, die uns nicht gefällt! Wie gerne würden wir dieses Carepaket an den Absender retournieren! Doch leider ist der Zustelldienst bereits wieder über alle Berge!

Das Spiel wurde eröffnet, die Spielregeln sind so genial wie simpel. Jetzt MÜSSEN wir verzichten. Eine Runde aussetzen. Wie bei Monopoly mal ins „Gefängnis“. Abwarten, Geduld beweisen und bis wir wieder an der Reihe sind ja nicht schummeln!

“Schauen wir mal, wie hoch die Bereitschaft ist - auf Verzicht - und nehmen wir ihnen etwas, womit niemand gerechnet hätte!“

Der Verzicht fällt schwer. Der Verzicht auf soziale Kontakte berührt mich sehr, zeigt mir, wie wichtig mir die Menschen in meinem Umfeld sind. Wie gerne ich Zeit mit ihnen verbringe. „Sozialfasten“ ist angesagt. Ob dafür 40 Tage reichen? Wir werden sehen.

Die gute Nachricht an der ganzen Geschichte – und das lass ich mir einfach nicht nehmen: Das Universum ist immer FÜR UNS! Zu schön wäre es gewesen, wenn sich alle globalgalaktischen Probleme innerhalb einer rosaroten Glitzerwolke aufgelöst, die Menschen eines schönen Morgens eine pauschale Erleuchtung erlebt hätten.

Läuft nur so nicht!

Wir bekommen NIE die Lösung, die wir WOLLEN, sondern immer die, die wir BRAUCHEN!

Alexandra Haas

@ Alexandra Haas

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